Sembène Ousmane

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Biografie

Sembène Ousmane blickte auf ein Leben zurück, das man sich intensiver kaum vorstellen könnte. 1923 als Sohn eines Fischers geboren, war er schon als Schüler ein Rebell und flog 13-jährig aus der Schule, weil er den Lehrer geohrfeigt hatte. Der Knabe sah nicht ein, warum er im Senegal korsisch lernen sollte. Er arbeitete als Mechaniker und Maurer in Dakar und begann sich fürs Kino zu interessieren. Er kämpfte als Soldat der französischen Armee im Niger, im Tschad, in Nordafrika und schliesslich 1944 gegen die Deutschen. Drei Jahre später reiste er klandestin ins Land der Kolonialherren und arbeitete dort als Hafenarbeiter in Marseille, wo er an einer dreimonatigen Blockade gegen Schiffe teilnahm, die nach Indochina in den Krieg auslaufen sollten.Nachdem er 1956 seinen ersten Roman «Le docker noir» veröffentlicht hatte, beschloss Sembène nach Moskau zu reisen, um dort Film zu studieren. Im westlichen Europa hatte man für Afrikaner keine Studienplätze, Moskau war für viele von ihnen der Ort, an dem sie sich ausbilden konnten. Und Bücher, das hatte Sembène rasch begriffen, konnten nicht das Mittel sein, die eigenen Leute zu erreichen. Die Widmung, die er dem ersten Buch voranstellte, macht deutlich, warum: «Ich widme dieses Buch meiner Mutter, obwohl sie nicht lesen kann. Zu wissen, dass sie ihre Finger darauf spazieren führt, macht mich allein schon glücklich.» Zwar schrieb Sembène Ousmane immer weiter, aber er setzte vor allem aufs Kino, mit dem er auch des Lesens Unkundige wie seine eigene Mutter erreichen konnte.

«Wenn Schweigen herrscht, können wir beginnen, mit der Kamera zu schreiben, Orte beschreiben, etwas anderes, hinter der Sprache Verborgenes zeigen.» Sembène Ousmanes erstes Publikum war stets sein eigenes zu Hause. 1966 wurde er für La noire de mit dem Prix Jean Vigo ausgezeichnet; die heute noch bestechende Studie einer schwarzen Bonne in der übersättigten südfranzösischen Gesellschaft gehört längst zu den faszinierenden frühen Filmen des afrikanischen Kinos. Wie der kleine Yang-Yang in Yi Yi nahm Sembène die Kamera und nahm mit ihr auf, führte damit über das Sichtbare hinaus.

Mein Schlüsselerlebnis mit Sembène war 1975, als er seinen Spielfilm Xala in Locarno präsentierte. Am Tessiner Festival stand in jenen Jahren noch die Pflege des Kinos im Vordergrund und nicht die Pflege der Sponsoren. Und da kam einer mit seinem Film, der seiner senegalesischen Bourgeoisie einen schonungslosen Spiegel vorhielt, der in einer Satire aufzeigte, wie die schwarzen Herrschaften von den weissen Kolonialherren nicht mehr gelernt hatten als die öden Kostümspiele, das Verstecken hinter Äusserlichkeiten, das Betonen von Hierarchien und das Ausbeuten der anderen. In Xala erzählt Sembène von einem Politiker, der sich die dritte Frau nimmt, aber dann, als es am Abend ernst gelten sollte, impotent ist. Sembène hat thematisch ganz unterschiedliche Filme gemacht, aber immer mit der Idee, aufklärerisch zu wirken. Emitai ist im Zweiten Weltkrieg angesiedelt, Ceddo im 17. Jahrhundert. Hier zeigt er, wie ein afrikanisches Dorf Widerstand gegen die Islamisierung leistet. Er war zutiefst überzeugt davon, dass Afrika über genügend eigene Kräfte und Energien verfügte und also seinen Blick nach innen richten konnte und weder nach Saudi Arabien noch nach Europa schielen musste. Am Ende
waren es die Frauen und ihre natürliche Widerstandskraft, denen er ein Denkmal setzte mit Faat Kine.

Walter Ruggle

Senegal

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