Theo Angelopoulos
Biografie
Theo Angelopoulos wurde am 17. April 1935 in Athen geboren. Zu seinen prägenden Kindheitserfahrungen gehörte die Verhaftung des liberalen Vaters durch einen Cousin, der Mitglied der kommunistischen Volksbefreiungsarmee war. In Athen begann er 1953 ein Jurastudium, das er 1957 abbrach, um in Paris an der Sorbonne Literatur zu studieren und Vorlesungen von Claude Lévy-Strauss und Filmvorführungen an der Cinémathèque zu besuchen. Er entdeckte Godard und die Nouvelle Vague, besuchte ein Jahr lang das Institut des hautes études cinématographiques, das er wieder verlassen musste, weil er sich nicht an die Schnitt-Vorgaben seines Professors hielt: Theo Angelopoulos versuchte sich hier erstmals in Plansequenzen.
1964 entschied er sich, in seine Heimat Griechenland zurückzukehren, wo er zunächst als Journalist und Kritiker für die „Demokratiki Allaghi” tätig war und 1965 ein unvollendetes Filmprojekt mit dem Musiker Vangelis hatte, «Forminx Story». Die Zeitung wurde nach dem Staatsstreich 1967 vom Militär eingestellt. 1968 drehte Theo Angelopoulos seinen ersten Kurzfilm «I ekpombi» (Die Sendung), 1970 den ersten Spielfilm «Anaparastasi» (Rekonstruktion). Die ersten Schritte im Kino waren Schritte unter einer diktatorischen Herrschaft, und es galt, die Kunst des Erzählens an der Zensur der Militärs vorbei zu entwickeln und zu verfeinern. Internationalen Erfolg hatte Theo Angelopoulos mit der Filmtrilogie über die Geschichte Griechenlands von 1936 bis 1970, bestehend aus «Meres tou 36» (Tage von 36, 1972), «O Thiasos» (Die Wanderschauspieler, 1975) und «I kynigí» (Die Jäger (1977). In ihnen entwickelte er seine eigene Handschrift aus «Rekonstruktion» weiter. Bert Brecht war eines seiner Vorbilder, der Zuschauer, die Zuschauerin sollte beteiligt sein, die Zeit auch räumlich fassbar. Es waren filmische Landschaften, die Theo Angelopoulos schuf und innerhalb derer er sich in seinem ganzen Werk bewegte. Auch nach dem Ende der Diktatur blieb die Politik eines seiner Themen, wobei er nicht die äusserlichen Phänomene betrachtete, er wollte nach innen blicken und nach aussen sichtbar machen, was die Gesellschaft im Lauf der Zeit bewegte.
1980 gestaltete Theo Angelopoulos mit «O Megalexandros» (Der grosse Alexander) einen grandiosen Abgesang auf die Systeme der Macht, indem er einen Befreiungshelden in seiner Entwicklung zum Despoten zeigte und damit in Venedig den Goldenen Löwen holte. Das war fast ein Jahrzehnt bevor der Traum vom realen Kommunismus im Osten definitiv in Brüche ging, es war auch die Zeit, in der der griechische Filmemacher seine Frau Phoebe heiratete und Vater dreier Töchter wurde, Anna, Katerina und Eleni. Die nächsten Filme wurden persönlicher, individueller auch: In «Taxidi sta Kythira» (Reise nach Kythira) kehrt ein ehemaliger Partisan nach Jahren im Exil in jene Heimat zurück, für die er sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, um festzustellen, dass es die Ideale, für die er gekämpft hatte, nicht mehr gibt. In «O melissokomos» (Der Bienenzüchter) nimmt ein Familienvater (Marcello Mastroianni) Abschied, um sich auf seine letzte Blütenreise zu begeben und mit Freunden von einst den Verlust der Utopien zu beklagen. In «Topio stin omichli» (Landschaft im Nebel) brechen zwei Kinder auf, um den verlorenen Vater zu suchen und dabei durch ein nebelverhangenes Griechenland zu streifen. Der Film erhielt den Europäischen Filmpreis, die drei Filme wurden, nach der «Trilogie der Geschichte» der 1970er Jahre, die «Trilogie des Schweigens» der 1980er Jahre.
Wie kaum ein anderer Regisseur hat der Grieche Theo Angelopoulos in seinen Filmen die Veränderungen des 20. Jahrhunderts festgehalten, wobei er nicht die Geschichte erzählte sondern das Innenbild Griechenlands und Europas im ersten Jahrhundert des Kinos in Bildergeschichten von grosser Poesie kleidete. «To metéoro víma tou pelargoú» (Der schwebende Schritt des Storches) griff 1991 sehr früh die Thematik der Migration auf, neben dem Motiv des Politikers, der sich absetzte, weil er die Musik nicht mehr hörte: «Es gab Zeiten, da herrschte Ruhe, und man konnte die Musik hören im Regen.» Angelopoulos' Filme waren immer auch Musik und Gedichte, und mit der Komponistin Eleni Karaindrou, mit der er seit «Reise nach Kythira» zusammenarbeitete, hatte der Filmende die ideale musikalische Ergänzung gefunden. Überhaupt war ihm die Arbeit in einer Art Filmfamilie wichtig: Mikis Karapiperis war jahrelang der Ausstatter, Giorgos Arvanitis und Andreas Sinanos waren seine Kamera-Augen, Petros Markaris und Tonino Guerra seine Drehbuch-Gesprächspartner. In «To vlémma tou Odysséa» (Der Blick des Odysseus) schickte Angelopoulos 1995 Harvey Keitel auf die Reise durch den Balkan, um einerseits zu dokumentieren, wie das Jahrhundert gleich endete, wie es begonnen hatte: Im Krieg. Um den Irrsinn der Grenzen zu zeigen, die sich dauern verschieben, den Zerfall der Systeme und, nicht zuletzt, um eine Suche zu unternehmen nach den ersten Filmschnippseln des Balkans. Die Unschuld des Blicks von Odysseus bei der Heimkehr nach Ithaka wieder finden, das müsste man. Angelopoulos erhielt dafür in Cannes den Grossen Jurypreis.
Mit «Miá eoniótita ke miá méra» (Die Ewigkeit und ein Tag, 1998) folgte einer erste Zusammenarbeit mir dem bewunderten Schweizer Schauspieler Bruno Ganz, der einen todkranken Mann über mehrere Zeiten seines Lebens hinweg verkörperte und einem Flüchtlingsjungen in die Freiheit verhalf. Der Film wurde, wie so viele davor, in Cannes am Filmfestival gezeigt und gefeiert; er erhielt die Goldene Palme als Auszeichnung für den besten Film des Festivals. 2004 schickte sich Theo Angelopoulos an, eine neue Trilogie zu gestalten, in der er das 20. Jahrhundert aus dem 21. heraus betrachten wollte. «To livádi pou dakrýzei» (Die Erde weint) entstand und «I skóni tou chrónou» (Der Staub der Zeit, 2008), zwei Werke, die sich nicht davor scheuten, vom Schmerz zu reden, den Kriege und Migration mit sich gebracht hatten.
Am 24. Januar 2012 starb Theo Angelopoulos beim Überqueren einer Strasse in Piräus. Er war am Drehen seines neuen Spielfilms «Das andere Meer», in dem er auf die ihm eigene Art die Krise betrachtet, in der seine griechische Heimat steckt. Angelopoulos hat im Verlauf seiner Karriere als Filmemacher über vierzig internationl bedeutende Preise gewonnen, darunter den Europäischen Filmpreis, den japanischen Filmpreis, die Goldene Palme und den Goldenen Löwen. Mehrfach ist er in den letzten Jahren auch für sein Lebenswerk geehrt worden.
Walter Ruggle ©
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Filme von Theo Angelopoulos im Verleih
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Biel: 1. & 2.6. im Filmpodium Zürich: bis 13.5. im Filmpodium
Weitere Informationen in der Tagespresse
Zum ersten Mal seit «Die Tage von 36» (1973) scheint in einem Spielfilm des Griechen Theo Angelopoulos wieder die Sonne. Sie erinnert in «Die Ewigkeit und ein Tag» umso intensiver an die Zeit des Glücks, die Jahre zurückliegt. Alexander nimmt Abschied. Der von Bruno Ganz über verschiedene Zeiten hinweg so gegenwärtig verkörperte Poet aus Saloniki hat noch einen Tag in dieser Welt vor sich. Und die Ewigkeit - wo auch immer. Angesichts des Todes wird dem Schriftsteller das Unvollendete an der menschlichen Existenz so richtig bewusst. |
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Biel: 25. & 26.5. im Filmpodium
Weitere Informationen in der Tagespresse
Ein Monument von Film hat der Grieche Theo Angelopoulos über Liebe, Leidenschaften und verlorene Unschuld in diesem Jahrhundert geschaffen. Mit Harvey Keitel, der wie Odysseus durch den Balkan irrt. In einer nordgriechischen Kleinstadt weilt ein in die USA ausgewanderter Filmemacher zu Besuch. Man zeigt sein letztes Werk, in dem er über Grenzen nachdachte, die sich die Menschen derzeit wieder vermehrt schaffen. Der Regisseur - er wird gespielt vom Amerikaner Harvey Keitel (Smoke) - besucht seine alte Heimat freilich aus einem anderen Grund: Er ist daran, einen Dokumentarfilm über die Gebrüder Manakis zu realisieren, die vor 90 Jahren das Kino auf den Balkan brachten und hier die ersten Filme realisierten. |
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Le pas suspendu de la cigogne (1991) Theo Angelopoulos hat in seinen Filmen nie einfach Geschichten erzählt. Er weigerte sich, uns mit äusserlichen Handlungen etwas vorzumachen. Der Grieche liess Bilder sprechen, entwarf über eindringlich gestaltete Sequenzen ganze Seelenlandschaften und setzte sich mit seiner Filmsprache radikal vom verbreiteten gefilmten Theater ab. Seine Filme sind Marksteine im europäischen Kino. Natürlich gibt es auch bei ihm so etwas wie einen roten Faden, doch seine Filme leben von der Variation eines Themas im musikalischen Sinn: Im Fall von «Le pas suspendu de la cigogne» (Der schwebende Schritt des Storchs) ist es ein inzwischen noch aktuelleres: Jenes der Grenze. |
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Biel: 3. & 4.6. im Filmpodium
Weitere Informationen in der Tagespresse
Zwei Kinder unterwegs In Landschaft im Nebel, dem letzten Film in der «Trilogie des Schweigens», erzählt uns der Grieche Theo Angelopoulos, basierend auf einer Zeitungsnotiz, ein Märchen, und wir sitzen da, sehen, lauschen und staunen. |
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Basel: 25. Mai bis 15. Juni Biel: 12.-14.5. im Filmpodium Liestal: 17. Mai
Weitere Informationen in der Tagespresse
Die letzte Reise |
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Taxidi sta Kythira - Voyage to Cythera (1984) Was ist Heimat? Reise nach Kythira leitete eine neue Phase im Schaffen des Griechen ein. |
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Athina, epistrofi stin Akropoli - Athen (1983) Angelopoulos was born and grew up in Athens. The Athens that starts from the Acropolis and extends to the small Byzantine churches of the old quarter, the remains of the neo-classical homes, the quiet squares, the apartment buildings, the narrow streets, the vehicles, the pedestrians. It is not a city but the stage on which a drama is being played out, as, of course, is the rest of Greece in the films of Angelopoulos. More specifically, a tragedy made up of treasured memories, stories and personal experience. |
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O Megalexandros (1980) Befreier wird zum Beherrscher Alexander entführt zur Jahrhundertwende britische Edelleute vom Poseidon-Tempel in Sounion in ein Bergdorf im Norden. Umjubelt von der Bevölkerung trifft er mit den Gefangenen dort ein. Eines Tages lässt Alexander die Uhr am Zeitturm neu einstellen. «Warum, Kommandant, wir hatten sie vergessen, die Uhr, wir brauchen sie nicht, hier befiehlt uns keiner. Nieder mit den Uhren!» Anarchisten und Dorfbevölkerung sind sich einig. |
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I kynighi - Oi Kynigoi (1977) In einer Jagdpartie stossen am Sylvestertag des Jahres 1976 fünf Vertreter des Bürgertums mit ihrem Begleiter, dem Hotelier Savas, während ihrer Wildschwein-Jagd im winterlichen Epirus auf die Leiche eines Partisanen aus dem Bürgerkrieg ende der vierziger Jahre. Was sie am meisten verunsichert ist die Tatsache, dass die Leiche, die ihnen da zu Füssen liegt, noch immer blutet. Das frische Blut wird sie für die nächste Zeit nicht mehr loslassen und verfolgen wie einst Lady Macbeth. Sie tragen den toten Partisanen in ihr Hotel, wo sie sich an sich eingefunden haben, um den Jahreswechsel zu feiern. PS: Es geistern verschiedene Längenangaben dieses Films herum. |
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O Thiasos - O Thiassos (1975) Geschichte ist Gegenwart, der Grieche Theo Angelopoulos der Filmemacher, der im Zeitmedium Film sämtliche Zeitstrukturen aufzulösen versteht, um sie neu zusammenzufügen und so zeitlose Zusammenhänge bewusst zu machen. In seinem Meisterwerk «O Thiasos» (Die Wanderschauspieler, 1974/75) lässt er eine Schauspieltruppe durch Raum und Zeit reisen, spiegelt er an dieser Gruppe die Geschichte zwischen 1936 und 1952. Auf ihren Reisen führt die Truppe über die Jahre hinweg das Schäferstück 'Golfo, die Schäferin' auf. |
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Meres tou 36 (1973) Zensur ins Bild geschrieben Sofianos, ein ehemaliger Spitzel der Polizei, wird verhaftet und nimmt sich im Gefängnis eine Geisel. Die Handlung um diese Geiselnahme und die Versuche, ihn zum Aufgeben zu bewegen oder zu vergiften, scheitern. Es braucht einen Scharfschützen, der die Sache erledigt. Mit dem zweiten Spielfilm Tage von 36 eröffnet Theo Angelopoulos seine grosse und einzigartige historische Trilogie. Er blickt zurück aus der Zeit der Diktatur von 1967 in jene von 1936, um die Mechanismen zu betrachten, die ein Land in den Zustand einer Diktatur bringen. |
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Anaparastasi - Αναπαράσταση (1970) In ein entlegenes Bergdorf im Norden Griechenlands kehrt ein Μann zurϋck, der als Fremdarbeiter lange Zeit in der Bundesrepublik Deutschland gelebt hat. Daheim slnd die Kinder inzwischen schulreif geworden, pflegt die Μυtter eine Liebschaft mit einem anderen. Das Liebespaar bringt den Heimkehrer um und verscharrt seine Leiche im Garten. Verdacht wird geschopft, eine polizeliIiche Untersuchung beginnt, und Journalisten treffen im Dort ein. |












