Después de la tormenta

Tristan Bauer
Argentinien, 1990
Filme aus Lateinamerika müssten eigentlich auch bei uns ein grosses Publikum finden, wenn man bedenkt, wie viele in den letzten Jahren den Kontinent oder einzelne Länder darauf bereist haben. "Despues de la tormenta" vom Argentinier Tristan Bauer könnte gemachte Erfahrungen vertiefen und erweitern, den Blick auf die lateinamerikanische Gegenwart über seine eigenen Geschichten und Erzählformen schärfen. Hier trägt eine Arbeiterfamilie schwer an den Altlasten politischer Misswirtschaft, kann nicht mehr zurück, weil der Weg zum Ort ihrer Herkunft auf dem Land längst abgeschnitten ist.

Tristan Bauers "Después de la tormenta" (Nach dem Sturm) ist zunächst einmal ein städtischer Film, aussagekräftig für mehrere Länder des Kontinents in der geschilderten Entwicklung wie in den starken Bildern zur Situation. In Bauers Film kommt der Sohn eines entlassenen Fabrikarbeiters hinter Gitter, weil er sich mit Diebereien jenes Geld besorgen wollte, das ihm der arbeitslose Vater nicht geben kann.

"Arbeiter sein ist ein Unglück", hat der Vater zu seinem Sohn gesagt. Wenig später werden Arbeitslose, die sich für einen Kurzjob anstellen, im Kampf um die vordersten Plätze erdrückt. Ein Sinnbild für die Situation, in der sie stecken. Bauer erzählt in wenigen Ellipsen. Er konzentriert sich auf das Schicksal einer einzelnen Familie, zeigt in metaphorisch wirkenden Alltags-Bildern die erdrückende Situation am breiten Rand einer Gesellschaft, der die Folgen der Militärherrschaft anzusehen sind. Die Familie, als Kern der Gesellschaft hochgehalten, zerbricht hier an den Auswirkungen wirtschaftlicher Vorgänge. Die Kinder nehmen ihren Vater als Versager wahr, können nicht erkennen, dass er unschuldig in den Abgrund gestossen wurde - und sie mit ihm.

Kleinigkeiten machen die schleichende Entwicklung deutlich. Ein zurück aus dem Elend der Städte gibt es bei Tristan Bauer nicht mehr, weil auch die Landschaften ausgedörrt sind, die Besitzverhältnisse dem Bauern kein Auskommen sichern. In einer zentralen Sequenz in "Despues de la tormenta" will der alte Don Benigno sich an einem Baum erhängen. Er sagt, er gehe ins Paradies, wo schon seine beiden Töchter seien. Dem Buben putzt er noch mit einer Zeitung eine Wunde und schickt ihn fort. Doch nicht einmal der Strick, den Benigno sich aus ein paar Tüchern geflochten hat, hält: Er fällt nur einmal mehr auf den harten Boden, und die umstehenden Männer und Frauen wissen nicht, ob sie den Selbstmörder retten, wenn sie ihn von der Tat abhalten, oder ob sie ihm mehr helfen, wenn sie ihn lassen.

Walter Ruggle