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Havanna in den 90er Jahren. In der Dunkelheit einer tropischen Sommernacht wird im Hinterhof eines grossen Hauses die Leiche eines deutschen Touristen vom Titisee im Schwarzwald gefunden, auf dem Rücken umgeschnallte Engelsflügel, in der Hand eine Flasche Schnaps. Für die lokale Polizei ist der Fall schnell klar: Betrunkener Ausländer stürzte bei einer wilden Party vom Dach. Einzig den Polizeileutnant Lorenzo lässt der Fall nicht los, und er beginnt gegen den Willen seines Chefs auf eigene Faust zu recherchieren. Was hatte der zu Tode gekommene Ausländer überhaupt in Kuba gemacht? Und was hat es mit seinem Vater auf sich, der vor 40 Jahren eine Bar mit dem Namen "Tropicanita" betrieb? Die Untersuchung nimmt immer haarsträubendere Wendungen, und als Lorenzo am Ende die Lösung seinem Vorgesetzten präsentiert, wirkt diese nicht unbedingt wahrscheinlich, aber so verrückt und abenteuerlich, dass man glatt einen Film daraus machen könnte. Alle Fiktion ist Lüge, besagt ein geflügeltes Wort aus Kuba. Aber die Lüge, so heisst es da weiter, sei lediglich die ausser Kontrolle geratene Vorstellung einer Wahrheit. Der Kubaner Daniel Díaz Torres, 1995 mit der irrwitzigen Komödie "Quiereme y verás" Preisträger in Freiburg, macht mit seiner jüngsten Produktion "Tropicanita" klar, dass die Grenzen zwischen dem Erfundenen und dem Wirklichen, zwischen dem Erlogenen und dem Wahren, zwischen der Phantasie und der Realität fliessend sind. Und dass das eine das andere durchfliesst, die magische Wirklichkeit spriesst. Seine Hauptfigur Lorenzo ist ein vorbildlicher Polizist aus der Provinz, lebt 900 Kilometer von Havanna entfernt, an einem Ort, an dem Hemingway sein Buch "Der alte Mann und das Meer" hätte schreiben können. Auch Lorenzo dichtet, und so ist es nicht weiter erstaunlich, dass er uns eine Geschichte erzählen möchte, die von ihm handelt und vielleicht sogar wahr ist, sicher aber schön erfunden. Er tut auf alle Fälle so, als sei sie wahr, indem er sie gleich zweimal dokumentiert, faktisch belegt und damit natürlich auch zeigt, wie leicht man im Kino den Leuten etwas als Wahrheit verkaufen kann. Walter Ruggle |
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