Nemuru otoko - Sleeping Man


Japan, 1990
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Der Japaner Kohei Oguri lässt uns in «Nemuro Otoko» beim Anblick eines Bewusstlosen über das Leben meditieren, das Leben durch den Sterbenden neu sehen. War am Anfang doch nicht das Wort? Beim Betrachten von Kohei Oguris Film «Nemuro Otoko» (Der schlafende Mann) hat man jedenfalls das Gefühl, am Anfang müsse das Bild gewesen sein, zu dem die Menschheit erst auf dem Umweg über das Wort wieder zurückgefunden hat. Das Bild als direkte sinnliche Erfahrung, als Wahrnehmung auf der Netzhaut, das Bild als eigenständige Existenz. Nun weiss natürlich und gerade auch ein japanischer Regisseur um die Bilderflut und die Bilderhetze der Gegenwart. Und so setzt ihr Kohei Oguri die Bilderruhe entgegen mit einem geradezu archaischen Film, mit einem Film jedenfalls, der vom urtümlich Menschlichen handelt und dieses aus der Gegenwart heraus neu erahnen lässt.

Eine Handlung gibt es nicht, und deshalb lässt sich die Grundanlage auch denkbar einfach beschreiben. Ein Mann ist in die Welt hinausgereist, heimgekehrt und am Berg hinter seinem Dorf abgestürzt. Der Dorftrottel hat den Bewusstlosen aufgefunden, und jetzt liegt er über längere Zeit da auf dem Futon am Boden ausgestreckt und schläft in den Tag und die Nacht hinein. Seine schiere Existenz ist eine Provokation, denn für die anderen geht das Leben einerseits weiter, andererseits stellt es der schlafende Mann natürlich auch in Frage. Was ist das überhaupt, das Leben? Wonach streben wir? Was ist, wenn es endet? Was, wenn wir nicht mehr sind? Macht es Sinn?

«Nemuro Otoko» ist ein Film der Sensationen im ursprünglichen Sinn des Wortes: Ein Film der sinnlichen Empfindungen. Empfinden und Verstehen - die beiden Begriffe waren im lateinischen Ursprung des Wortes «sensatio» eins. Und auf diese Einsheit scheint uns Kohei Oguri wieder zurückführen zu wollen. Wie schafft er das? Eigentlich ganz einfach. Er geht von der sinnlichen Kraft der Bilder aus und entwirft rund um das Bild des Schlafenden Bilder des vermeintlich wachen Lebens. Diese Bilder visualisieren urtümliche Empfindungen. Da wäre etwa die Wärme in den Einstellungen von Frauen und Müttern im Thermalbad mit dem sprechenden Namen «Mondwasser», da wäre das Versinken in der Natur mit dem Mann im Laub, da ist die Zeit im endlos klappernden Wasserrad, das ausschaut wie das übergrosse Getriebe eines Uhrwerks, da ist der Raum als inneres Haus wie äussere Landschaft, da ist der Übergang vom Licht in die Spiegelung des Lichts, am stärksten sicher repräsentiert in den irrsten visuellen Variationen zum Mond. Berührung und Flucht, Gesang und Klang, Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand. Kohei Oguri führt das Kino mit den technisch hochentwickelten Mitteln der Gegenwart in seinen Urzustand zurück: Er arbeitet fast ausschliesslich mit Fixeinstellungen, mit Lichtakzenten, mit visuellen Ausdrucksmitteln. Jedes seiner Bilder ist dabei bis ins Detail hinein durchkomponiert, zum einen Ziel: Die Natur selber soll zur Kunst erhoben sein.

Walter Ruggle