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Piravi

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Citations 'Piravi'

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Rendezvous mit Karun Shaji


"Eine Filmszene: Ich gehe im Schnee."


Natur und Regen spielen im meditativ
gestalteten indischen Spielfilm "Geburt" eine
zentrale Rolle. Schnee war für seinen Autor
Karun Shaji eine neue Erfahrung. Walter
Ruggle ist mit ihm deshalb auf die
frisch eingeschneite Rigi gereist.


Es regnet in Strömen, als ich Karun Shaji
an einem Novembermorgen in seinem Hotel
abhole. Zürcher Monsunstimmung, sozusagen. Er
hält einen grossen gelben Schirm in seiner
Hand und trägt einen leichten Veston. Ob er
nichts Wärmeres anzuziehen hätte, frage ich
ihn, und füge bei: Wir fahren in den Schnee.
Er strahlt überrascht: "In den Schnee?"


Zwanzig Grad ist die tiefste Temperatur, die
der kleine Mann aus Trivandrum im indischen
Staat Kerala gewohnt ist. Zweimal jährlich
streicht der Monsunregen übers Land. Wir
fahren nach Luzern und unterhalten uns übers
Kino und über seinen preisgekrönten
Spielfilmerstling "Piravi" (Geburt), der von
einem abwesenden Sohn handelt und von der
Suche nach ihm. "Kino ist eine Dunkelkammer",
sagt Karun, "das ist vergleichbar damit, dass
du dich in einem dunklen Raum befindest und
dich orientieren möchtetest. Du musst deine
Sinne ganz schön schärfen, die Ohren, die
Augen, um etwas wahrzunehmen, den Raum zu
empfinden. Diese Ausgangslage macht für mich
das Filmemachen so interessant."


Das Grelle an vielen Filmen liegt ihm nicht;
er zieht die weicheren Farben, die
Schattierungen und auch dunklere Töne vor,
arbeitet beim Dreh im wesentlichen mit
Stimmungen und dem Licht der Natur. "Man
braucht nicht immer alles auszuleuchten, es
genügt im Prinzip zu wissen, dass jemand da
ist, man spürt es und empfindet stärker." Das
Schiff nach Vitznau ist praktisch leer, und
wir fragen uns, warum eigentlich ein
regnerischer Tag in seiner Schönheit so wenig
gewürdigt wird. Für Shaji ist das Wasser ein
zentrales Lebenselement; dem Inder bedeutet
es Geburt und Leben. Schliesslich keimt keine
Saat auf trockenem Boden. Er meint, man
brauche sich in einem stillen Raum nur vor
eine mit Wasser gefüllte Schüssel zu setzen
und zu schauen, um zu erfahren, was in dem
Element drinsteckt.


In Vitznau beginnt unsere Bergfahrt, vom
Regen in den Schnee. Wir sind praktisch
allein in der Rigibahn, und ich merke, wie
ich etwas Alltägliches plötzlich wieder neu
wahrnehme: Karun blickt gebannt aus dem
Fenster, als der Regen allmählich in
Schneefall übergeht und die Landschaft im
Nebel immer weisser wird. Er könne sich jedes
Bild sehr gut schwarzweiss vorstellen, meint
er, und hier erscheine ihm die Natur
plötzlich schwarzweiss, die Konturen der
verschneiten Tannen, die bedeckten Häuser,
die spärlicher werdenden unverschneiten
Flecken. Unvermittelt meint Shaji: "Was mir
aufgefallen ist: Die Schweizer setzen aufs
Kleine, sie bauen kleine Häuser aber grosse
Kathedralen. Warum sind die Kirchen hier
eigentlich so schmal und hoch? Bei uns in
Indien sind die Tempel niedrig und: auf der
Seite offen."


Oben auf der Rigi: Ein gewohnter Schritt im
Schnee für mich, ein Ereignis für ihn. Er
stapft mit seinen Halbschuhen unbekümmert
durchs ihm unbekannte Weiss, ist überrascht,
wie leicht die Handvoll Neuschnee ist und:
Dass man Schnee essen kann. Ein sinnliches
Naturerleben, eine Sinnlichkeit, die auch
seinen leisen Film prägt und so stark macht.
Nicht umsonst schreibt er seine Bücher auf
drei parallel geführten Seiten: Eine für die
Töne, eine fürs Bild und eine für
Handlung/Dialog. Die Vater-Sohn-Beziehung in
"Piravi" ist ihm, dem Vater zweier Buben,
ganz wichtig, auch wenn er eingestehen muss,
dass er seine Söhne "vor allem horizontal
wachsen sieht" - das heisst: Schlafend im
Bett. Als Filmemacher ist er oft unterwegs.
Er hat es sich im grössten Filmland der Welt
praktisch eingerichtet, indem er für das
Filmstudio Keralas arbeitet und dort die
Infrastruktur für kommerzielle Produktionen
betreut, gleichzeitig aber Zeit und
Möglichkeiten hat, seine eigenen Filme zu
drehen.


Wir fahren über Goldau wieder zurück aus der
verschneiten Höhe ins verregnete Unterland.
Shaji erzählt mir von einem Inder, der
beschlossen hatte, Selbstmord zu begehen und
seinen Film angeschaut habe. Der Film hätte
ihn vom Suizid abgebracht, habe ihm der Mann
später geschrieben, weil er ihn auf zentrale
Momente im Leben geführt hätte. Dann
resümiert er unsere Reise: "Drei Szenen würde
ich von dem, was ich an diesem Tag erlebt
habe, in einen Film aufnehmen: Als erstes,
wie ich im Schnee gegangen bin, als zweites
der Schwarzweiss-Effekt, den der Schnee in
der Natur hinterlässt, als drittes, wie die
Bahn auf dem Berg still über die verschneiten
Schienen wieder verschwunden ist. - Weisst
Du, Du hast mir zu einem der eindrücklichsten
Erlebnisse meines Lebens verholfen."

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