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Un soir après l...

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Citations 'Un soir après la guerre'

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"Wir sind die geopferte Generation"


"Un soir après la guerre" heisst der zweite Spielfilm des Kambodschaners Rithy Panh. Im Gespräch äussert sich der Regisseur zur Tragödie seiner Heimat, in der die Liebesgeschichte spielt.



Mit Rithy Panh sprach Walter Ruggle



1998 brachte für Kambodscha mindestens drei wichtige Ereignisse: Den Tod des Völkermörders Pol Poth, die ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten und das Aufgeben der letzten Roten Khmers. Was bedeutet Ihnen dieses Jahr?



1998 war ein Jahr der Bewegung. Davor hatte man in Kambodscha ein Vierteljahrhundert gelitten unter dem Schmerz des Krieges. Die Menschen konnten nicht darüber reden. 1998 ist das Jahr, in dem das Volk am Ende seines Schmerzes angelangt war und gleichzeitig eine gewisse Reife erlangt hat. Das ist natürlich bizarr, denn wenn man keine Angst mehr hat, redet man, und wenn man redet, so beginnt die Demokratie zurückzukehren.

Lange Zeit war das Leben von Angst geprägt: Es herrschte Krieg, die USA bombardierten das Land. Darauf folgte die Traumatisierung durch die Roten Khmer und der Staat der Rechten, der nicht funktionierte. Beim Tod von Pol Poth bedauerten alle ein wenig, dass gestorben ist, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Dabei wäre es nicht einmal so sehr darum gegangen, ihn für die Verbrechen anzuklagen, als vielmehr die Gründe für sein Tun zu erfahren. Wichtig bleibt jetzt, dass die anderen nicht ungestraft davon kommen, denn wenn sie ungestraft davonkommen, kann jeder das auch. Im Fall von Pinochet hat man gesehen, dass auch die übrige Welt sich nicht um eine Position drücken kann, wenn Völkermord betrieben wird. Um das inskünftig zu vermeiden, braucht es eine internationale Auseinandersetzung.



In Kambodscha ist viel Aufbau notwendig, denn die Kultur schlechthin war ja von der Khmer völlig zerstört worden. Ihre Filme sind Teil dieser Aufbauarbeit, bieten uns Einblick ins Land. Welche Rolle spielen sie in Kambodscha selber?



Das Kino kann enorm viel zu dieser Entwicklung beitragen. Selbst in einem kleinen Land so unterentwickelt kann das Bild eine unheimliche Wirkung haben. Das dürfen nicht nur CNN, Videos mit Kung-Fu-Filmen und US-Kino sein. Tatsächlich wurde bei uns die Kultur selber vollends zerstört. Jetzt muss die kulturelle Identität wieder aufgebaut werden. Deshalb kämpfe ich auch seit nunmehr elf Jahren für das Recht auf Bilder und das Recht auf Erinnerung im Sinn von Memoire. Ich schule Cineasten, um eine Equipe zu bilden, die an diesem visuellen Gedächtnis arbeitet. Mit den Filmen, die ich gemacht habe, gab es zuerst Misstrauen. Andererseits sind sie, vor allem auch die Dokumentarfilme, so nahe am Volk, dass beim Betrachten der einzelnen Filme eine Reflexion beginnt. Wir müssen den Menschen das Wort erteilen, damit sie endlich ihre Lebensbedingungen ausdrücken können und ihre Gedankengänge.



Der eine Film ist mehr Dokumentation des Lebens in dem Land, der andere ist stark verknüpft mit der jüngsten Geschichte. Bei uns hat das 50 Jahre gedauert. Gibt es kein Problem, sich so rasch mit Geschichte zu befassen?



Es ist immer ein Problem, von der Geschichte zu reden , egal wie lange das her ist, ob zehn oder zwanzig oder fünfzig Jahre. Das Problem der Geschichte ist das, dass man Fragen stellt, wenn man auf sie zurückkommt. Die Frage ist, ob man bereit ist, Antworten zu suchen, darüber nachzudenken. Bei meinen Filmen hat man mich erstaunlicherweise immer arbeiten lassen. Und ich habe immer Leute gefunden, die vor der Kamera geredet haben. Auf politischer Ebene gibt es ein Interesse an meiner Arbeit. Es gibt ein Bedürfnis zu sprechen. Die Autoritäten haben das Interesse an dieser Arbeit verstanden, auch wenn das vielleicht noch nicht für heute ist. Wichtig ist es, und das haben sie begriffen, dass diese Arbeit jetzt gemacht wird.

Ein Film wie "Les gens de la rizière" ist sehr nahe an den Leuten auf dem Land. Er behandelt etwa das Thema der Solidarität. Wie kann es kommen, dass eine Frau aus einer Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird? Das ist eine wichtige Frage, sie hat mit der Geschichte zu tun, denn früher wäre es undenkbar gewesen, da hat die Gemeinschaft jedem, dem es nicht gut ging, geholfen. Wenn es also eine politische Konnotation gibt, dann im Sinne von kollektivem Bewusstsein. Mein Kino muss politisch sein in einem indirekten Sinn, denn sonst kann ich direkt Politik machen. Mein Film müssen am Bewusstsein arbeiten lassen.

Natürlich kann man konkret beispielsweise die Rote Khmer angreifen. Ich kann Fragen stellen nach dem Völkermord, der etwas mit der Menschheitsgeschichte zu tun hat. Und dann kommen sehr rasch die Fragen an die internationale Gemeinschaft: Wie konnte es kommen, dass die Rote Khmer nach ihren Genoziden in der UNO sass? Warum ist das Wort Genozid nicht im Friedensvertrag eingeschrieben? Warum haben die USA mit ihren Bombardierungen aus ein paar hundert Khmers Tausende gemacht? Nach dem Fall haben die Amerikamer mit ihnen zusammengearbeiet, weil das ihnen gegen die Vietnamesen half.

Da gibt es eine Verantwortlichkeit der internationalen Gemeinschaft. Und daran arbeite ich, an der Memoire im Innern, wo wir unsere Identität wiederfinden, wieder aufbauen müssen. Draussen darf die internationale Gemeinschaft aber genauso an der Erinnerung arbeiten, das Drama erkennen. Nur schon das Erkennen und daraus eine Verantwortung ableiten wäre ein Ansatz zum solidarisch sein.



Ich habe den Eindruck, dass ihre Filme, auch wenn die beiden da Spielfilme sind, in ihrer Intention dokumentieren wollen, das Leben auf dem Land der eine, das Leben in der Stadt der andere.



Das ist so, ich will die Welt über fiktionale Geschichten betrachten. Selbst wenn sich daraus ein Melodram ergibt, so ist das ein Vorwand, um über eine Generation zu reden, die nie im Frieden leben konnte. Die Situation ist sich am verbessern, das muss man sehen, aber da gibt es etwa die Brutalität der Oekonomie, die zum Alltag gehört, es gibt die Gewaltbereitschaft. Diese Jungen, die gekämpft haben, haben ja letztlich auch ihren Körper verkauft, um Soldat zu sein. Diese Jugend muss ihre Identität wiederfinden und zur Würde gelangen. Was macht die Frau? Sie macht eine Erinnerungsarbeit, sie denkt zurück an ein Mädchen und kommt am Ende bei einer Frau an, die den Leuten ins Gesicht sehen kann, die ihre Würde gefunden hat. Das ist das Wichtige in dieser Generation. Sehen, dass ich keine Angst mehr habe.



Ist das nicht schwierig, weil sie verkauft wurde?



Sie hat sich geopfert. Das ist eine geopferte Generation. Der Junge versucht zu arbeiten, um ihr die Würde wieder zu geben. Wenn meine Generation eine wirklich wichtige Rolle zu spielen hat, dann die, die Erinnerung zu arbeiten und die Würde zu verteidigen, denn sonst haben wir gar nichts. Vielleicht schaffen wir es sogar, unsere Identität neu zu lancieren. Ohne Amerikanisierung, ohne Thailandisierung.



Zwei Zeiten, da ist schon eine Distanz und die wiedergefundene Würde.



Ja, da gibt es eine Reife in der Art, wie die Frau nachdenkt, wenn sie sagt, was hat uns der Krieg kaputt gemacht, und trotzdem: ich existiere. Die Lust zu leben, ist sehr ausgeprägt in er Jugend in Kambodscha. Da ist ein grosses Potential. Nur schon das Filmemachern, das sehe ich mit den Jungen, auch wenn sie noch nie etwas gemacht haben, jetzt müssen sie eine Aufgabe anpacken und durchziehen. Man ist es sich bei uns gar nicht mehr gewohnt, etwas durchzuziehen.



Was mich frappiert hat, ist diese starke Präsenz der Waffen.



Es ist so, dass die Waffen immer noch eine wichtige Rolle spielen. Ich will das durchaus auch anprangern, denn wenn man nichts unternimmt, überträgt man die Selbstverständlichkeit des Waffengebrauchs auf die Kinder. Ein Zehnjähriger sieht nichts als diese Waffen, jeder hat sie, sogar das neue Jahr oder die Sonnenfinsternis werden mit Schüssen in die Luft begrüsst. Das gab es vor dem Krieg überhaupt nicht.



Savannah wird vom Bruder erschossen, nicht von der Polizei.



Das ist das wahre Gesicht des Krieges: Man beginnt auf den eigenen Bruder zu schiessen. Das ist die Schweinerei des Krieges. Das Bewusstsein der gemeinsamen Identität ist am Ende. Dieser Film ist für die Kambodschaner brutal, und sie werden sich Gedanken machen, wenn sie sehen, wie der eine in den Rücken des anderen schiesst. Die Gewalt, die existiert, muss ein Thema sein. Aber wir haben natürlich ein Problem, dass während den Kriegsjahren der Tod dermassen banalisiert wurde. Wenn man tagtäglich mit Toten konfrontiert ist, so wird das gewöhnlich.



Sie arbeiten das sehr schön durch den Gegensatz von Text und Bild heraus: Dort ist von Gewalt die Rede, da sieht man die friedliche Schönheit der Natur.



Ich will den Pleonasmus vermeiden, ich filme den Fluss. In Kambodscha ist er überall und er ist wunderschön. Gleichzeitig muss man wissen, dass diese Flüsse oft blutrot und voller Leichen waren. Wenn man diese Landschaft sieht und das weiss, ist das schwer verständlich. Das war eine Periode, in der die Politik weder Moral noch Ethik kannte, und die USA hat das Ihre dazu beigetragen. Schliesslich fühlte sich ein Volk ungerechterweise geopfert.



Was können andere Länder heute tun?



Ich habe das Bedürfnis, dass sie auf ihre eigene Geschichte zurückkommen, nicht die Länder aber die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft waren daran beteiligt an . Wie viele Menschenleben ruiniert wurden, man braucht nur ein einzelnen herauszugreifen, um die Dimension zu verstehen. Ich beteilige mich deshalb an den Aktionen in Sachen Minen, damit sich möglichst viele Länder distanzieren. Kanada hat begonnen, ich hoffe, dass andere Länder folgen werden und signieren. Jeder einzelne Bürger kann seinen Beitrag leisten, wir sind doch im Jahr 2000 angelangt und sollten langsam begriffen haben, dass man gewisse Dinge nicht mehr machen kann. Das ist die Hoffnung. Man ändert die Welt nicht einfach so, man muss die Leute bewegen. Wozu haben wir das Internet entwickelt , wenn die Leute nicht zusammenkommen wollen? Demokratie ist nicht das Geld.

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