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Leidenschaft fürs andere Kino

18.04.2021

Zum Tod des trigon-film-Gründers Bruno Jaeggi

Am 14. April 2021 ist Bruno Jaeggi, der Gründer der Stiftung trigon-film, nach längerer Krankheit im Alter von 79 Jahren gestorben. Jaeggi wurde am 8. Juli 1942 in Solothurn geboren und besuchte dort das Wirtschaftsgymnasium, bevor er von 1964 bis 1969 an der Universität Basel studierte, mit einem zweijährigen Abstecher nach Paris bis ins legendäre 1968. Bereits zu Studienzeiten beschäftigte er sich leidenschaftlich mit Film und betätigte sich journalistisch, ab 1969 tat er das vollberuflich. Er schrieb für die Basler Nachrichten und die Nationalzeitung und machte sich einen Namen als einer der profiliertesten Filmkritiker. Seine cinéphile Stimme, die profunde Kenntnis des Films und der wertschätzende, respektvolle Zugang wurden schweizweit gelesen und geschätzt.

Vielfältig war Bruno Jaeggis Engagement fürs Kino von Anfang an. So war er Mitglied des Vorstands von Le Bon Film in Basel und hatte sich früh für die Entstehung eines kommunalen Kinos in Basel engagiert, für ein Stadtkino, wie er es nannte und wie es heute auch existiert. Zwischen 1972 und 1977 gehörte er der Programmkommission der Filmfestivals von Locarno und Nyon an und war von 1974 bis 1977 Co-Herausgeber der Zeitschrift Cinema, aus der später ein Jahrbuch hervorgehen sollte. Bruno Jaeggi kämpfte dafür, dass andere Filme in der Schweiz zu sehen waren als der nordamerikanische Mainstream. So war er Gründungs- und Vorstandsmitglied von Cinélibre, des Dachverbands von Filmclubs und alternativen Spielstellen in der Schweiz, und Gründungsmitglied des Basler Studiokinos Camera. Beide setzten sich dafür ein, dass der Blickwinkel auf die Welt ein offener war. Ab 1972 reiste Bruno Jaeggi regelmässig nicht nur zu den grossen europäischen Filmfestivals, er war auch in Afrika unterwegs, dem Kontinent, dem er ein besonderes Augenmerk schenkte. Immer wieder weilte er in den vergangenen Jahren im Maghreb; in Tunesien fand er am Meer und in Wüsten so etwas wie seine zweite Heimat.

Ich habe Bruno als Leser der Nationalzeitung kennen und schätzen gelernt. Das war eine gewichtige Stimme, die man auch in Zürich wahrnahm und gerne las. Mit Nostalgie denkt man heute, da in Basel, Bern und anderswo von Zürich aus Einheitskost serviert wird, zurück an die Zeit der Stimmenvielfalt, die es natürlich nicht nur im Filmbereich gab. Persönlich getroffen habe ich den Filmkritikerkollegen an Festivals, an denen wir uns beide an Filmen erfreuten, die uns belegt haben, dass das Kino ein Fenster zur Welt ist. Bemühungen, einzelne von ihnen in der Schweiz in einen Verleih und damit in die Kinos zu bringen, scheiterten, und es war Bruno Jaeggi, der sich 1986 entschied, der Situation mit einem Verein zu begegnen, der darauf aufmerksam machen sollte, dass es auch Afrika, Asien und Lateinamerika gibt und dass auch Südost wahrgenommen werden will. Der kühne Anspruch des Vereins war es, Strukturen auf die Beine zu stellen, die für etwas Ausgleich sorgen könnten und für andere Blickwinkel auf die Welt.

1988 gründetete Bruno Jaeggi die Stiftung trigon-film mit dem Ziel, herausragende Filme aus dem Süden und Osten in die Kinos zu bringen. Sie nahm sich vor, sich dafür einzusetzen, «langlebige Grundlagen zum Kulturaustausch im Kinobereich zu schaffen.» Jaeggi beschrieb die Situation der völlig unzureichenden Vermittlung mit einem Bild: «Neben dem Wolkenkratzer, den die US-amerikanischen Filme darstellen, nimmt sich das schwarzafrikanische Kino wie ein Sandkorn aus, das Kino aus Ländern der Dritten Welt überhaupt wie eine zertretene Blechbüchse.» Dabei sei gerade der Film doch eine der authentischsten Ausdrucksformen, müsse im Gegensatz etwa zum Buch nicht übersetzt werden: «Der Film», so Jaeggi, «ist so zu sehen und zu hören, wie er von Schwarzafrikanern beispielsweise in ihrer Heimat und in ihrer Sprache gemacht worden ist.»

1989 startete trigon-film im Frühjahr mit der Lancierung des ersten Filmes aus dem neuen Verleih. Es war, zur sichtlichen Freude Jaeggis, ein afrikanischer: «Zan Boko» von Gaston Kaboré aus Burkina Faso kam die Ehre zu, neue Bilder in die nordwestlich dominierte Kinowelt zu bringen. In der Folge hat er eine lange Reihe von Filmen ausgesucht, ausgestattet und herausgebracht, begleitet von sorgfältig erstellten Publikationen und Dokumentationen. trigon-film hat von Anfang an den Anspruch gehabt, die Filme nicht nur in die Kinos zu bringen; Bruno Jaeggi wollte sie stets auch vertiefend begleiten. Regisseure und Regisseurinnen hat er zu Gesprächen und an Veranstaltungen eingeladen. Und schon im ersten Jahr feierte trigon-film einen überwältigenden Erfolg: Vom Festival in Cannes hatte der Verleih eine dort vollkommen untergegangene Perle nach Hause gebracht, am Festival von Locarno nahm sie David Streiff in den Wettbewerb auf, und die internationale Jury zeichnete sie mit dem Goldenen Leoparden aus. Es war dies der koreanische Spielfilm «Warum Bodhi Dharma in den Orient aufbrach» von Bae Yong-kyun. Der Film sprach (und spricht weiterhin) existenzielle Fragen an, mit denen sich Bruno Jaeggi befasst hat. Wenn er auf einen Film wie diesen gestossen war, so war seinem Einsatz dafür, die gemachte Seherfahrung zu teilen, keine Genzen gesetzt. Der Passionierte trug Texte und Bilder zusammen und gestaltete umfangreiche und vertiefende Dokumentationen von bleibendem Wert.

In der Folge wurde das meditative Meisterwerk zu einem Grosserfolg an der Kinokasse und zu einem ersten Film aus der Kollektion trigon-film, der über 100'000 Zuschauerinnen und Zuschauer begeistern konnte. Unermüdlich brachte Bruno Jaeggi mit seinem kleinen Team neue Filme heraus, liess das Schweizer Publikum Filmschaffende wie Fernando Solanas aus Argentinien, Chen Kaige aus China, Abbas Kiarostami aus dem Iran, Moufida Tlatli aus Tunesien, Hirokazu Kore-eda aus Japan, Shaji Karun aus Indien, Nacer Khemir aus Tunesien, Raoul Peck aus Haiti oder Flora Gomes von den Kapverden entdecken - allesamt Namen, die sich inzwischen in die globale Filmgeschichte eingraviert haben. Er beschränkte sich nicht auf den Film, organisierte Konzerte mit Musikern wie dem unvergesslich intensiv performenden Pakistaner Nusrat Fateh Ali Khan, veranstaltete Podien zur Vermittlung der Filmkulturen und Ausstellungen mit den Porträts von Filmschaffenden, die sein vor drei Jahren verstorbener älterer Bruder, der Fotograf Hugo Jaeggi, über die Jahre hinweg aufgenommen hatte.

So gross das Ansehen war, so leer bald schon die Kasse - ein Phänomen, das die Stiftung trigon-film mit anderen Institutionen teilt. Und die Arbeit, das ungemein leidenschaftliche Engagement zehrte an der Gesundheit des Gründers, der im Januar 1999 dem Stiftungsrat seinen Rücktritt bekanntgab. Urs Reinhart, der damalige Präsident der Stiftung trigon-film, hat Bruno Jaeggi bei der Verabschiedung 1999 sehr schön beschrieben: Er «war kein „Direktor“, kein Alpha-Tier, kein Hi-Man mit bleckenden Zähnen. Er ist scheu und sensibel, wie dies bei intelligenten Leuten oft der Fall ist. Die Freundschaft, die ihn mit den Filmautoren aus drei Kontinenten verband und verbindet, ist eingebettet in eine Weltschau, die dem Los der Menschen Besserung wünscht und auf Menschenwürde gegründet ist. Er war ein ganzheitlicher Leiter aus Berufung.» Heute ist Bruno Jaeggis Kind trigon-film ein sicherer Wert in der Filmvermittlung, ausstrahlend in die ganze Welt. Wir nehmen mit dem Gefühl von Trauer Abschied und sind Bruno Jaeggi und seiner Familie gleichzeitig dankbar für alles, was er und sie in den Aufbau der Institution gesteckt haben. Einer seiner Lieblingsfilme blieb «Bodhi Dharma» des Koreaners Bae Yong-kyun. Der Film beginnt mit einem Zitat:

«Dem Schüler, der ihn nach der Wahrheit fragte, zeigte er wortlos eine Blume.»

Walter Ruggle

Weitere Informationen zu Bodhi Dharma - Dharmaga tongjoguro kan kkadalgun

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