Regisseur/in

Fernando Solanas

7 Filme im Verleih

Fernando Ezequiel Solanas, am 16. Februar 1936 in Olivos vor den Toren von Buenos Aires geboren, nannten alle nur Pino. Er hatte Theater, Musik und Jurisprudenz studiert und in seinen Filmen entsprechend nicht nur Regie geführt, er komponierte auch Teile der Musik. 1962 hatte er mit Seguir Andando und Reflexión ciudadana zwei Kurzfilme gedreht, 1968 dann seine ersten Langfilm, das Pamphlet La Hora de los HornosDie Stunde der Feuer, ein Dokumentarfilm über den Neokolonialismus und die Formen der Gewalt in seinem geliebten lateinamerikanischen Kontinent. Der vierstündige Film konnte nur klandestin aufgeführt werden und gehört noch heute zu den Glanzstunden des engagierten, um nicht zu sagen enragierten Kinos. In dieser Zeit hatte Pino Solanas zusammen mit dem Spanier Octavio Getano unter dem Titel Kino der Dekolonisation eine Art Manifest zur Unabhängigkeit der verschiedenen Kinematographien verfasst hat. Darin heisst es unter anderem: «Eine Kinematographie wie eine Kultur wird nicht durch ihre Geographie national, sondern nur dadurch, dass sie den besonderen Notwendigkeiten der Befreiung und Entwicklung eines jeden Volkes entspricht. Das Kino, das heute in unseren Ländern dominiert und von Infrastrukturen und Superstrukturen bestimmt wird - den Ursachen jeder Unterentwicklung - kann nur ein abhängiges Kino und damit konsequenterweise ein unmündiges und unterentwickeltes Kino sein.»  Das legendäre Manifest hat im Zeitalter der globalen Vernetzung nichts an Aussagekraft eingebüsst.

Pino Solanas hatte sich im Grupo Cine Liberación engagiert, der das argentinische Kino prägte und in den frühen 1970er Jahren in Schwung bringen wollte. Er drehte seinen ersten Spielfilm Hijos de Fierro nach dem Gedicht El Gaucho Martín Fierro von José Hernández, der Militärputsch mit der Diktatur kam 1976 dazwischen, der Ermordung eines Schauspielers und Freundes und Morddrohungen an ihn. So ging er 1976 nach Frankreich ins Exil. Nach seiner Rückkehr in die Heimat, wo jene, die sich vor der Militärdiktatur in Sicherheit gebracht hatten, eine zeitlang weniger geachtet wurden als die, die im Land geblieben waren, Widerstand geleistet haben, in Gefangenschaft geraten oder ums Leben gekommen waren, drehte Fernando Solanas zwei Filme, die sich mit dem Exil und der langen Nacht der Diktatur auseinandersetzten: Tangos - el exilio de Gardel, 1984, und Sur (Der Süden, 1988). Epochal, neben dem Dokumentarfilm «La hora de los hornos», wurde 1991 El viaje (Die Reise), der die Suche eines Jungen aus Ushuaia, im tiefsten Süden des Kontinents, nach seinem Vater erzählt und dabei die Reise durch Lateinamerika um 1990 herum unternimmt, bis hinauf in die Karibik. Der Film war, unter anderem, eine böse Kritik am neoliberalen Präsidenten Menem, der das Land am Ruinieren war - Solanas zeigte Buenos Aires unter Wasser und Menem als Doktor Rana (Frosch) mit Flossen Durchhalteparolen quackend. Die Folge seiner Kritik: Am 21. Mai 1991 wurde Pino Solanas beim Verlassen des Hauses, in dem er den Film am Schneiden war, von sechs Kugeln getroffen. Er hatte Glück, überlebte und engagierte sich fortan umso mehr. 1993 wurde er erstmals in ein politisches Amt gewählt. Ein ambitioniertes Spielfilmprojekt, die Verfilmung von Isabel Allendes Buch «Aphrodite. Eine Feier der Sinne» scheiterte an den langen Versuchen der Finanzierung.

Die nächsten Filme sollten einerseits am Erstling anknüpfen und sich wieder explizit auf politische Themen konzentrieren. Die Digitalisierung kam Pino Solanas entgegen: Er war von der ersten Stunde der handlichen digitalen Kameras dabei, ging selber auf die Strassen in Buenos Aires, als die Massen gegen den Ausverkauf und die Zerstörung des Landes durch den Neoliberalismus protestierten und filmte unermüdlich. War ursprünglich ein Film geplant, wurde daraus eine Trilogie mit Memoria del saqueo (Chronik der Ausbeutung, 2004), La dignidad de los nadjes (Die Würde der Nichtse, 2005) und Argentina latente (2007). 2009 trat Fernando Solanas mit seinem eigenen Mitte-Linksbündnis Proyecto Sur (Projekt Süden) in Buenos Aires als Kandidat an und erzielte das zweitbeste Wahlergebnis. Im Wahlkampf hatte Pino Piniensamen verteilt unter dem Motto «Pino se planta – Pinie lässt sich pflanzen». Filmend zu Themen wie der Zerstörung des einst vorbildlichen Eisenbahnnetzes in Argentinien (Próxima estación, 2008), das Fracking oder die Vergiftung der Böden dokumentierte der Filmemacher zentrale Themen in Umwelt und Gesellschaft mit eigener Kamera und sehr persönlich. Gleichzeitig engagierte er sich im Parlament unermüdlich für diese Fragen oder Rechte der Frauen in einem Land, in dem der Männlichkeitswahn gross geschrieben ist. Den letzten von ihm produzierten Film drehte sein Sohn Juan Solanas: Que sea ley, ein Dokumentarfilm, der den Kampf der argentinischen Frauen fürs Recht auf Abtreibung dokumentierte. Am Abend des 6. November 2020 ist Fernando Solanas an Covid 19 gestorben. Die argentintische Botschaft in Paris, vor der Pino Solanas in den 1970er Jahren gegen die Militärdiktatur und für das Finden der «Desparecidos» demonstriert hatte, hängte nach seinem Tod am Wochenende im Hommage an den grossen Künstler und engagierten Politiker ein Banner an die Fassade mit Bildern seiner Filme. Das letzte grosse Projekt, das er sich vorgenommen hatte, war neben der Fertigstellung des nun letzten Filmes das Schaffen einer Konvention für die Rechte von Mutter Natur bei der UNESCO. Solanas hatte Papst Franziskus, zu dem er als Argentinier eine alte Beziehung hat und den er zusammen mit seiner Frau, der gebürtigen Brasilianerin Ángela Correa, besuchte, für seine Ideen gewinnen können und zehn UNESCO-Botschafter bei einem Mittagessen zur Diskussion eingeladen. Das wichtige Projekt muss nun ohne ihn als unermüdlich treibende Kraft umgesetzt werden. Wer das Glück hatte, Fernando Solanas persönlich zu kennen und über viele Jahre immer wieder zu erleben, staunte nicht zuletzt über die ungemein grosse Lebensenergie.

Walter Ruggle

Filmographie

1962 Seguir andando (Kurzfilm)
1963 Reflexión ciudana (Kurzfilm)
1969 La hora de los hornos (Die Stunde der Hochöfen)
1971 Revolución justicalista
1971 Actualisación politica y doctrinaria
1978 Hijos de fierro (Söhne des Fierro)
1980 Le regard des autres
1985 Tangos - el exilio de Gardel (Tangos - Das Exil von Gardel)
1987 Sur (Süden)
1992 El viaje (Die Reise)
1998 La nube (Die Wolke)
2004 Memoria del saqueo (Dokumentarfilm)
2005 La dignidad de los nadies (Dokumentarfilm)
2007 Argentina latente (Dokumentarfilm)
2008 La próxima estación (Dokumentarfilm)
2009 Tierra sublevada: Oro impuro (Dokumentarfilm)
2011 Tierra sublevada: Oro negro (Dokumentarfilm)
2013 La guerra del fracking (Dokumentarfilm)
2016 El legado estratégico de Juan Perón (Dokumentarfilm)
2018 A Journey to the Fumigated Towns (Dokumentarfilm)
2020 Tres a la deriva (Produzent, Dokumentarfilm)
 
 

 
 

Dignidad de los nadies, La (Flyer)

Dignidad de los nadies, La (2005)

Nachdem sich Fernando Solanas in Memoria del saqueo mit den neoliberalen Strukturen auseinandergesetzt hat, die in seiner Heimat die Wirtschaft ausverkauft und zerstört haben, widmet er sich in seinem neusten Dokument den betroffenen Menschen und zeigt Formen des Widerstands: Arbeiter öffnen geschlossene Firmen, Bauern verhindern Zwangsversteigerungen, Arbeitslose setzen die Regierung unter Druck. Ein starkes, ein bewegendes Stück Kino, das voll ins Leben eintaucht, dort, wo die Kameras sonst kaum hinkommen. Weiter

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Memoria del saqueo (Flyer)

Memoria del saqueo (2004)

Es ist bald dreissig Jahre her, seit der Argentinier Fernando Solanas zusammen mit dem Spanier Octavio Getano unter dem Titel "Kino der Dekolonisation" eine Art Manifest zur Unabhängigkeit der verschiedenen Kinematographien verfasst hat. Darin heisst es unter anderem: "Eine Kinematographie wie eine Kultur wird nicht durch ihre Geographie national, sondern nur dadurch, dass sie den besonderen Notwendigkeiten der Befreiung und Entwicklung eines jeden Volkes entspricht. Weiter

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La nube (Flyer)

La nube (1998)

Das Theater in der alten Werfthalle am Stadtrand war einmal eine revolutionäre Kulturinstitution, sein charismatischer Leiter ein mephistopheleischer Komödiant, der grosse Vor- und Querdenker seiner wilden Generation. Aber heute wirken auch in Buenos Aires die Kulturfunktionäre, während draussen in der vom Abbruch bedrohten Spielstätte die eingeschworene Truppe gegen Publikumsschwund, Stromausfälle und Geldmangel kämpft. Weiter

El viaje (Flyer)

El viaje (1992)

Fernando Solanas schickt den 17-jährigen Martin Nunca, der mit seiner Mutter und dem Stiefvater in Ushuaia, dem südlichsten Zipfel Argentiniens lebt, auf eine lange Reise der Entdeckungen durch den lateinamerikanischen Kontinent. Mit dem Fahrrad bricht er auf, um seinen Vater zu suchen. Unterwegs sammelt er Erfahrungen, lernt die Facetten verschiedener Orte und Länder kennen. Die argentinische Hauptstadt Buenos Aires steht unter Wasser, doch der Staatschef Doktor Rana (Frosch) lässt sich nicht beirren. Weiter

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Sur (Flyer)

Sur (1988)

1987/88, nach seiner Rückkehr aus dem Exil, hat Fernando Solanas den Spielfilm "Sur" realisiert. Ein Schlüsselwerk des jüngeren politischen Kinos genausosehr wie ein melancholischer Liebesfilm. 1976 übernahmen die Generäle in Argentinien die Macht; 1983 endete ihre Herrschaft. Die 6 Millionen Dollar anfänglicher Auslandschulden haben sie in dieser Zeit auf 45 000 Millionen Dollar anwachsen lassen. Ihre Kritiker und Gegner im Land haben sie terrorisiert, gefangengenommen, gefoltert, umgebracht. Weiter

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Tangos - el exilio de Gardel (Flyer)

Tangos - el exilio de Gardel (1985)

Sehnsucht nach der Heimat In Paris probt eine Gruppe von exilierten Künstlerinnen und Künstlern aus Argentinien ein musikalisches Spektakel über den Tango. Juan uno, ein begnadeter Bandoneonspieler, erhält dabei von Juan dos, der in Buenos Aires geblieben ist und der Diktatur widersteht, das Buch mit der Geschichte des legendären Sängers Carlos Gardel. Fernando Solanas entwirft eine zauberhafte Tangedia, eine Mischung aus Tanz, Komödie und Tragödie zum Exil. Weiter

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Hora de los hornos, La (Flyer)

Hora de los hornos, La (1968)

Die 60er Jahre brachten nicht nur ästhetisch neue Wellen in die Filmgeschichte: Sie brachten auch politische Bewegungen auf die Leinwand. Zum Beispiel in Lateinamerika, wo in Brasilien, Chile, Kuba, Bolivien oder Argentinien Filmemacher sich laut- und bildstark äusserten. Film ist immer politisch - als Erkenntnis ist diese Feststellung jünger als die Filmgeschichte, wenngleich man angesichts des allgemeinen handlungs- und technikorientierten Geschreibes und Geplauders derzeit wieder das Gefühl haben könnte, es hätte die Weiter

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