Regisseur/in

Paolo & Vittorio Taviani

4 Filme im Verleih

Paolo (*1931) und Vittorio Taviani (1929-2018) wurden beide im italienischen San Miniato in der Provinz Pisa als Söhne eines radikal antifaschistischen Anwalts geboren und von Haus aus politisiert. Sie studierten an der Universität Pisa und hatten gemeinsam eine filmische Schlüsselerfahrung, als sie den 1946 entstandenen Spielfilm Paisà von Roberto Rossellini sahen. Sie wussten, dass Film ihr Medium sein musste, gründeten 1950 einen Filmclub in San Miniato und schrieben und inszenierten zwei Theaterstücke im Geiste von Brecht und Meyerhold, bevor sie 1954 unter Begleitung von Cesare Zavattini und Valentino Orsini den dokumentarischen Kurzfilm San Miniato Luglio ‘44 drehten. Mit Orsini realisierten sie weitere Filme, bis 1967 ihr erster eigener Film I sovversivi entstand, in welchem sie einen Vorgeschmack aufs Jahr 1968 gaben. Auch alle weiteren Filme schrieben und inszenierten Paolo und Vittorio Taviani gemeinsam und wurden bald einmal zum legendären Bruderpaar des Kinos.

Den internationalen Durchbruch schafften sie 1977 mit Padre Padrone, mit dem sie sich in Cannes die Goldene Palme holten und bei der Premiere in New York 18 Minuten Standing Ovation. Nach Il prato 1979 folgte 1982 der grandiose Spielfilm La notte di San Lorenzo, der in Cannes den Grossen Jurypreis erhielt und auf der Piazza von Locarno in der Nacht des San Lorenzo seine unvergessliche Schweizer Premiere hatte - nach diesem Abend mit mehr als 8'000 Zuschauenden wurde die Platzzahl auf der Piazza beschränkt. Für verschiedene Filme adaptierten die Tavianis literarische Vorlagen, von Pirandello (Kaos) über Tolstoi (Il sole anche di notte, Resurrezione) bis hin zu Goethe (Le affinità elettive), und mit Shakespeare im Gefängnis (Cesare deve morire) holten sie sich 2012 einen letzten ganz grossen Preis: Den Goldenen Bären in Berlin. Im April 2018 starb der ältere Bruder Vittorio Taviani nach langer Krankheit in Rom. Damit ist Una questione privata so etwas wie das Vermächtnis der Gebrüder Taviani geworden; sie haben ihn gemeinsam erdacht und geschrieben, aber nachdem Vittorio in Rom vor den Dreharbeiten von einem Auto angefahren worden war, musste Paolo auf dem Set alleine wirken. Er habe sich beim Inszenieren immer mal wieder umgedreht, um Vittorios Einschätzung zu vernehmen, aber er sei nicht da gewesen. Mehr als sechzig Jahre haben die beiden all ihre Filme gemeinsam ersonnen, geschrieben und inszeniert, letzteres so intensiv, dass Marcello Mastroianni auf die Frage, wie es denn sei, von zwei Regisseuren inszeniert zu werden, fragte: «Warum von zwei?» Paolo und Vittorio Taviani haben sich auf dem Set in regelmässigem Rhythmus abgelöst und auch in Gesprächen symbiotisch ergänzt, um einige der bewegendsten und intensivsten Werke des europäischen Kinos zu schaffen, Filme, in denen Wirklichkeit und Traum nahtlos ineinander übergehen und der Widerstand und die Hoffnung ebenso Themen wie Motivation waren. (wal.)

Filmographie

1954: San Miniato Luglio ‘44 - San Miniato Juli `44
1960: L’Italia non è un paese povero (mit Joris Ivens) - Italien ist kein armes Land
1962: Un uomo da bruciare - Gebrandmarkt
1963: I Fuorilegge Del Matrimonio (mit Valentino Orsini) - Die Ehebrecher
1964: L`Italia con Togliatti - Dokumentarfilm
1967: I sovversivi - Die Subversiven
1969: Sotto il segno dello scorpione - Im Zeichen des Skorpions
1971: San Michele aveva un gallo - Der Aufstand des Giulio Manieri
1974: Allonsanfàn
1977: Padre Padrone - Mein Vater, mein Herr
1979: Il prato -Die Wiese
1982: La notte di San Lorenzo - Die Nacht von San Lorenzo
1984: Kaos, nach Luigi Pirandello
1986: Good Morning Babylonia
1989: Il sole anche di notte - Nachtsonne, nach Leo Tolstoi
1992: Fiorile
1996: Le affinità elettive - Wahlverwandtschaften, nach Johann Wolfgang von Goethe
1998: Tu ridi - Du lachst
2001: Resurrezione - Die Auferstehung, nach Leo Tolstoi
2004: Luisa Sanfelice – nach Alexandre Dumas
2007: La Masseria delle allodole - Das Haus der Lerchen
2012: Cesare deve morire - Cäsar muss sterben, nach William Shakespeare
2015: Maraviglioso Boccaccio - Das Dekamerone
2017: Una Questione Privata - Eine Privatsache

Una questione privata (Flyer)

Una questione privata (2017)

Giorgio, Milton und Fulvia sind die drei Figuren, von denen uns Paolo und Vittorio Taviani in ihrem letzten gemeinsamen Film erzählen. Vittorio, der ältere der beiden, ist im April 2018 gestorben. Im Geist ihres Meisterwerks «La notte di San Lorenzo» blenden sie noch einmal zurück in die Endphase des Zweiten Weltkriegs. Weiter

Kaos (Flyer)

Kaos (1984)

Mit Tonino Guerra adaptierten Paolo und Vittorio Taviani Novellen des Nobelpreisträgers Luigi Pirandello, die, jede auf ihre Art, um das Thema Heimat kreisen. In lose verbundenen Episoden entwirft Kaos ein manchmal bizarr poetisches, dann wieder melancholisch angehauchtes Panoramabild des italienischen Südens. Weiter

La notte di San Lorenzo (Flyer)

La notte di San Lorenzo (1982)

Poesie des Widerstands La notte di San Lorenzo von Paolo und Vittorio Taviani ist jener Film, der vor einem Vierteljahrhundert an einem unvergesslichen Abend mehr als 8'000 Menschen auf der Piazza Grande in Locarno in seinen Bann zog mit seiner filmischen Zauberkraft und der Friedensbotschaft. Heimlich schleicht sich im Sommer 1944 eine Gruppe von BewohnerInnen aus ihrem Heimatdorf San Miniato in der Toskana, um den US-amerikanischen Befreiern entgegenzueilen. Weiter

Padre Padrone (Flyer)

Padre Padrone (1977)

Er gehört zu den Schlüsselfilmen des italienischen Kinos und des europäischen Kinos, er packte in den 1970er Jahren, in denen er in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat, das Publikum und regte zu Diskussionen an: Padre padrone, jener Film, der den Gebrüdern Paolo und Vittorio Taviani zum internationalen Durchbruch verhalf und sie zum Vorzeigepaar Italiens machte (zu einer Zeit, in der Berlusconi noch nicht alles ruiniert hatte, was man Filmbranche nennen konnte und Filmkunst). Weiter