Wara mendel - Dance of the Wind

Film

Wara mendel - Dance of the Wind

Rajan KhosaIndien – 1997

In Indien scheint das Leben stärker geerdet als in unseren Breitengraden. Fünftausend Jahre alt ist die Tradition, von der Rajan Khosas Film erzählt. Ihr zufolge lehren die Eltern ihre Kinder die Lieder der Weisheit, die es ihnen ermöglichen, das Leben und das Schicksal mit grösserer Gelassenheit zu tragen. Der Filmemacher selber beschreibt das, wenn er sagt, es fliesse in den Adern des Inders, der Inderin etwas, was der weltweit vorherrschenden Überflutung durch die Reize des Marktes standhalte, etwas, "das ganz uns gehört". Pallavi - sie wird gespielt von Indiens erfolgreichstem Fernsehstar Kitu Gidwani - ist eine junge, erfolgreiche Sängerin, die ihre Kunst bei der Mutter erfahren hat. Sie müsse noch so viel von ihr lernen, sagt die Tochter nach einer Gesangsstunde. Nein, meint die Mutter, sie könne jetzt die Tradition des Musizierens und der mündlichen Überlieferung selber am Leben erhalten. Kurze Zeit danach stirbt die alte Frau, die ihrem Kind auch von einem Guru mit Namen Baba berichtet hat, der jenseits von Name und Form existieren würde. Weil die Tochter glaubt, die Reinheit der Musik nicht zu beherrschen, verstummt sie nach dem Tod der Mutter mitten in einem Konzert.

Indien ist ein Land des gebrochenen Lichts, ein Land des klanglichen Reichtums auch, der von Geräuschen der Natur genauso bestückt ist wie von jenen der Technik. Rajan Khosa versteht es vorzüglich, diesem Licht und diesen Klängen Raum zu geben. Sein Film beschreibt die Reinheit des Gesangs nicht nur, sein Film besingt sie, auch und gerade in jener Zeit, da Pallavi verstummt. Denn ihre Stille ist nichts anderes als die Suche nach der inneren Stimme, nach der inneren Kraft, die zum Leben so wichtig ist.

Die Sängerin wird ihre eigene Stimme finden müssen. Der Filmer zeigt ihre Suche im alltäglichen Klangmeer, indem er ein kleines Mädchen auftauchen lässt, dem Pallavi lange folgt, ohne es fassen zu können. Es ist, als wäre ihre eigene Stimme noch flüchtig, als würde sie noch untergehen im Wirrwarr draussen. Khosa macht diese Suche, die nach innen gerichtet ist, durch diese Suche draussen sichtbar und nachvollziehbar. Und in einer vorzüglich elaborierten Tonspur hörbar! Mitunter gehen die Töne von Musik und Marktgeschrei in einem einzigen Schnitt ineinander über. Betäubend kann der Klangraum wirken, in dem Pallavi ihre eigene Stimme, ihren eigenen Klang genauso finden muss wie den Einklang mit dem Ganzen. Oder war am Ende alles umgekehrt? Jedenfalls gibt ihr der stumme Guru zuletzt auf einen Blatt Papier den Rat: "Hör auf zu suchen, nur dann wird die Musik dich finden."

Walter Ruggle

Weitere Artikel: Abschied von Karl Baumgartner

Der italienisch-deutsche Filmproduzent ist am 18. März seiner schweren Krankheit erlegen.

Weiter

Originaltitel Wara mendel - Dance of the Wind
Deutscher Titel Tanz des Windes
Französischer Titel La danse du vent
Andere Titel Dance of the Wind
RegisseurIn Rajan Khosa
Land Indien
Kinoformate 35mm, DVD
Drehbuch Rajan Khosa, Robin Mukherjee
Montage Emma Matthews
Musik Shubha Mudgal
Kamera Piyush Shah
Ton Mike Shoring
Produktion Pandora Film, Frankfurt (Karl Baumgartner), JBA Production, Paris (Jacques Bidou), Moonson Film...
Länge 87 Min.
Sprache Hindi/d/f
SchauspielerInnen
Kitu Gidwani Kaushalya
Bhaveen Gosain Ranmal, Pallavis Mann
Kapila Vatsyayan
Roshan Bano
B.C. Sanyal
Punarnava Mehta Shabda
Ami Arora Janaki
Vinod Nagpal
Bhunvar Lal
Ibrahim Ahmed
Kusum Chopra
Ranjit Mathur
Auszeichnungen

Mostra Internazionale di'Arte Cinematografica Venezia, Filmfestival Rotterdam (Februar 1998), Internationale Filmfestspiele Berlin (Februar 1998). - Preis des Publikums London Film Festival (Channel Four/Guardian); Preis des Publikums (ARTE/Radio France) und Preis für die beste Darstellerin (Kitu Gidwani), Festival des 3 Continents Nantes, Dezember 1997

© COPYRIGHT

Texte sowie sämtliches Bild- und Tonmaterial auf der Homepage der Stiftung trigon-film sind für die Berichterstattung über den jeweiligen Film bzw. zur Bewerbung des entsprechenden Kinostarts bestimmt. Die Materialien stehen unentgeltlich nur für die Berichterstattung über den jeweiligen Film bzw. für dessen Bewerbung zur Verfügung. Jede davon getrennte Nutzung ist im Sinne des Urheberrechts untersagt bezw. muss rechtlich mit trigon-film geklärt werden. Die entgeltliche sowie unentgeltliche Weitergabe an Dritte ist untersagt. Der Copyright Hinweis © trigon-film.org ist obligatorisch. Durch die Nutzung unseres Materials erkennen Sie die Copyright-Bestimmungen an!

Shop