Film

Narradores de Javé

Eliane CafféBrasilien – 2003
TRAILER

Als die Bewohnerinnen und Bewohner eines Dorfes im Javé-Tal erfahren, dass der Bau eines Staudamms ihr Land unter Wasser setzen soll, sehen sie nur noch eine Möglichkeit: Sie müssen ihrer Ortschaft eine historische Bedeutung geben. Um überzeugende Gründe für die Erhaltung ihres Erbes zu finden, beschliessen sie, alle Geschichten und Legenden zu sammeln, an die sie sich erinnern können. Der einzige, der «Die grosse Geschichte des Javé-Tals» schreiben kann, ist der ehemalige Postbote; er aber ist in Verruf geraten, weil er von ihm selbst verfasste Verleumdungsbriefe ausgetragen hatte.

Der Spielfilm "Narradores de Javé" handelt auf wunderbar vielschichtige Weise von der Kunst und der Passion des Erzählens. Er steht selber in der lateinamerikanischen Erzähltradition, um die er sich beinahe unmerklich dreht. Eliane Caffé dringt in die Erzähllust vor, indem sie die Bemühungen einer Dorfgemeinschaft um die Rettung ihres Dorfes schildert und uns eine echte Freude am Imaginären und am Erzählen spüren lässt. In mehrfach gebrochener Perspektive (ein Erzähler schildert die Geschichte von Personen, die da ihrerseits erzählen) werden die Szenen mit feinem Gespür für zeitliche Abläufe aneinandergefügt. Der Auftritt malerischer Figuren dient zur Beschleunigung der Handlung und bringt burleske Komik in einen dramatischen Kontext. Ohne sich zwischen mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung zu entscheiden, gewinnt der Film eine Dimension zurück, in der das Wunderbare des Lebens, die Macht des Traums und die Poesie einer kollektiven Geschichte in einzigartiger Weise miteinander verwoben sind. Was diesen Film auszeichnet, ist seine Nähe zum Leben, das Verwurtseltsein im Alltag. Das sind Geschichten, die nicht so abgeschliffen, kantenlos und clean daher kommen wie die Massenware im Kino oder die Telenovelas im Fernsehen. Hier menschelt es wohltuend.

Originaltitel Narradores de Javé
Deutscher Titel Erzähler aus dem Javétal
Französischer Titel Le conteur de la vallée de Javé
Andere Titel The Storytellers
RegisseurIn Eliane Caffé
Land Brasilien
Kinoformate 35mm, DVD
Drehbuch Eliane Caffé
Montage Daniel Rezende
Musik DJ Dolores
Kamera Hugo Kovensky
Ton Romeu Quinto
Ausstattung Carla Caffe
Kostüme Cristina Camargo
Produktion Vânia Catani
Länge 100 Min.
Sprache Portugiesisch/d/f
SchauspielerInnen
José Dumont Antonio Biá
Nelson Xavier
Rui Resende Vado
Gero Camilo
Luci Pereira Deodora - Mariardina
Nelson Dantas
Alessandro Azevedo
Maurício Tizumba
Bene Silva
Altair Lima

Eliane Caffé ist oft deftig und hemmlunglos albern, und dabei merkt man erst langsam, wie kunstvoll und raffiniert ihr Film verschachtelt ist. Vom Erzählen selber in seinen unterscheidlichsten Formen wird hier erzählt.

Taz





Narradores de Javé ist ein wundervoll poetischer Film über die Kraft der Worte und den Zusammenhalt einer verschworenen Dorfgemeinschaft in einer aussichtslosen Situation - eine "Liebeserklärung an den Geschichtenerzähler in jedem von uns", wie Regisseurin Eliane Caffé freimütig bekennt.

kino-zeit.de



Am Ende siegt dennoch der so genannte Fortschritt über die Findigkeit der verschworenen Dorfgemeinschaft, die uns gewissermassen im Vorbeigehen ein faszinierendes Panoptikum brasilianischer Geschichte und lateinamerikanischer Erzählkunst vorgeführt hat.

AZ





Wenn nur noch Fabulieren hilft: Bezaubernd Der Spielfilm «Narradores de Javé» von Eliane Caffé

Neue Zürcher Zeitung





Es ist eine Geschichte, wie sie ganz alltäglich ist für jene Weltgegenden, die heute «der Süden» und früher «Entwicklungsländer» hiessen: Ein Dorf muss in den Fluten eines Stausees verschwinden, auf dass eben diese so genannte Entwicklung in Gang komme.



Das Dorf heisst Javé, ein staubiges Nest im trockenen Norden Brasiliens. Es ist jene Region, wo in den 1960er- Jahren bereits Glauber Rocha, der früh verstorbene Übervater des neuen brasilianischen Kinos, einige seiner berühmtesten Filme gedreht hat. Und auch die 1961 in São Paulo geborene Eliane Caffé hat sich von der Faszination für diesen öden Landstrich anstecken lassen. Schon für ihren ersten langen Spielfilm «Kenoma» (1998).

Bei den damaligen Recherchen traf sie auf einen Mann, der einmal Postbote war und ihr erzählte, mit welch unkonventionellen Methoden er seinen Arbeitsplatz retten wolte: Er begann, die - grösstenteils des Lesens und Schreibens unkundigen - Leute des Dorfes mit vom ihm selbst verfasster Korrespondenz einzudecken, um die Wichtigkeit seines Jobs zu demonstrieren. Diese Episode ist Ausgangspunkt für «Narradores de Javé». Antonio heisst hier der findige Postbote, der wegen der Geschichte mit der fiktiven Korrespondenz einst mit Schimpf und Schande aus dem Dorf gejagt wurde.



Doch jetzt braucht man ihn unbedingt, denn man hat Grosses vor. «Nur so genanntes Kulturgut wird gerettet; wir dagegen sind keinen Dreck wert», sagt einer der Dorfbewohner, als sie vom Projekt des Stausees erfahren. Also muss man zum Kulturgut werden, und was liegt da näher, als dass man gemeinsam mit dem Postboten beginnt, eine bedeutende und heroische Vergangenheit von Javé herbeizuschreiben. So wird in neunzig Filmminuten wild drauflosfabuliert, Anekdoten werden mit Erfundenem vermischt, ein Gründungsmythos gebastelt und der arme Antonio kommt kaum nach mit Aufschreiben. Am Ende siegt dennoch der so genannte Fortschritt über die Findigkeit der verschworenen Dorfgemeinschaft, die uns gewissermassen im Vorbeigehen ein faszinierendes Panoptikum brasilianischer Geschichte und lateinamerikanischer Erzählkunst vorgeführt hat.



AZ 8. Mai 2004

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