Die Sasakis sind eine ganz gewöhnliche Familie in Tokyo. Vater Ryuhei widmet sich mit Leib und Seele seiner Arbeit als Businessman. Seine Frau Megumi hat ihre Arbeit aufgegeben, um den Haushalt zu führen und die beiden Kinder zu betreuen. Der ältere der Buben ist Takashi. Er besucht das College und macht der Mutter das Leben nicht einfach. Der jüngere, Kenji, ist ein sensibler Junge und steckt noch in der Primarschule. Eines schönen Tages verliert der Vater seine Anstellung. Er erzählt seinen Söhnen und der Frau nichts davon, packt weiterhin jeden Morgen seine Aktentasche und macht sich auf den Weg zu seiner nunmehr fiktiven Arbeit. Allmählich tauchen aber Brüche in der vermeintlichen Normalität der Familie Sasaki auf, und wir werden Zeugen, wie jedes Mitglied der Familie zumindest vorübergehend durchdreht. Eine packend aktuelle Geschichte.

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Das Kribbeln beginnt innen
Alle reden und schreiben von der Finanzund Wirtschaftskrise. In Zahlen und Analysen ist so etwas unheimlich abstrakt, denn welcher halbwegs gesunde Geist kann sich unter einem Verlust von 40 Milliarden oder so etwas vorstellen? Interessanter und auch gruseliger wird es, wenn man in die Gesellschaft hinein blickt, die so etwas hervorbringen kann, zum Beispiel in die japanische. Sie ist besonders reizvoll, weil so vieles in Japan seine wohlgeordnete Struktur hat und nach strengen Vorgaben funktioniert. Das ist packend und beruhigend dort, wo es beispielsweise um technische Abläufe geht wie das Fahren in den ultraschnellen Zügen. Das ist nicht mehr so einfach, wenn wir in jene Bereiche vordringen, in denen es ganz einfach menschelt. Zum Beispiel: in einer gewöhnlichen Familie.

Kiyoshi Kurosawa ist ein Regisseur, der bei uns noch wenigen bekannt ist, dabei hat er schon eine lange Reihe von Filmen gestaltet. Normalerweise wurden diese dem Genre des Horrors zugeordnet, obwohl das korrekt nie war. Denn Kiyoshi Kurosawa, der mit dem grossen Meister Akira nicht verwandt ist, hat nie den oberflächlichen Schrecken gesucht in seinen Arbeiten; er hat eher die Abgründe und Traumwelten des Menschen ausgelotet und dabei so hochmoderne Filme gestaltet wie Pulse oder Cure. Jetzt kehrt er in Tokyo Sonata auf alle Fälle ganz in die Realität zurück und inszeniert zunächst ein Stück Kleinfamilien- und Arbeitsalltag in einergrossen Stadt wie Tokyo. Er zeichnet seine Figuren präzis, zeigt bei jedem Familienmitglied die kleinen Rissstellen, die zu grösseren Brüchen führen können und hängt das alles auf an der Entlassung des Vaters und dessen Versuch, weiterhin so zu tun, als wäre nichts geschehen. Das Gesicht wahren, nennt man das, den äusseren Schein.

Zum Faszinierenden an diesem jüngsten, in Cannes und Chicago je mit dem Jurypreis ausgezeichneten Film, gehört nun genau die Kunst Kurosawas, diese Bruchstellen, die sich bei uns allen finden, in seiner Filmfamilie zu orten und aufzubrechen. Für einen Moment lässt er die längst gespielte Harmonie ins Disharmonische kippen und alle auf eine kleine, abenteuerliche Reise schicken, um am Ende hoffnungsvoll eine neue Harmonie zu finden, vielleicht jetzt eine aufrichtige. Man könnte Tokyo Sonata als Thriller der Gefühlswelten bezeichnen. Es ist ein Film, der unter die Haut geht, weil er so brennend aktuell ist in seinem Thema. Denn im Gegensatz zu den Zahlenmeldungen kennen wir alle das Familienleben und wissen auch um die ganz gewöhnlichen Ängste. Kiyoshi Kurosawa
setzt sie packend um – das ist die Chance, ihn nun zu entdecken.

Walter Ruggle


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Originaltitel Tokyo Sonata
Deutscher Titel Tokyo Sonata
Französischer Titel Tokyo Sonata
Andere Titel Tokyo Sonata
RegisseurIn Kiyoshi Kurosawa
Land Japan
Kinoformate 35mm, DVD
Drehbuch Sachiko TANAKA, Kiyoshi KUROSAWA
Montage Koichi TAKAHASHI
Musik Kazumasa Hashimoto
Kamera Akiko ASHIZAWA
Ton Masayuki Iwakura
Produktion Django Film, Entertainment Farm
Länge 119 Min.
Sprache Japanisch/d/f
SchauspielerInnen
Kai Inowaki Kenji Sasaki
Teruyuki Kagawa Ryuhei Sasaki
Kyoko Koizumi Megumi Sasaki
Yu Kayanagi Takashi Sasaki
Auszeichnungen

Prix du Jury, Un certain regard, Cannes Grand Jury Prize, Chicago Filmfestival Best Director, Mar del Plata Filmfestival

«Kiyoshi Kurosawa treibt die Lakonie seiner Normfamilienballade auf die Spitze, bis sie verzweifelt komisch wirkt.» Martin Walder, NZZ am Sonntag


«Der Japaner Kiyoshi Kurosawa (nicht verwandt mit dem legendären Akira) schildert den Zerfall einer Familie in schönen, stillen Bildern, die an Antonioni erinnern.» Tages-Anzeiger, Zürich


«Der Film weiss dadurch zu erschüttern, dass er die Mechanismen der nicht funktionierenden Kommunikation so präzise und gruselig genau aufzuzeigen weiss. Eigentlich fehlt dieser Familie nicht viel, sie könnten eine Gemeinschaft sein, in der sich jeder wohl fühlt und jeder seinen Platz hat, würde es ihnen gelingen, miteinander zu reden.» ARTE


«Ein Film, der die Bedeutung von Kiyoshi Kurosawa als einer der bedeutendsten zeitgenössischen japanischen Regisseure zeigt.» Kulturinfo «Kiyoshi


Kurosawa parvient à réaliser un film envoûtant, froid et paradoxalement émouvant avec un talent certain.» Daily Movies «Servi par sa lumière et un montage efficace, Tokyo Sonata est un arrêt sur images, la photographie nette d’un Japon traumatisé par l’éclatement de ses croyances et structures familiales. A 54 ans, Kiyoshi Kurosawa s’impose en cinéaste majeur.» Le Courrier


«Fidèle à son goût de l’épure, Kiyoshi Kurosawa livre un film d’une grande beauté formelle (chaque plan est minutieusement composé) où les gestes et les regards en disent plus que les dialogues. Un tout grand film!» La Liberté


«Kiyoshi Kurosawa se confirme ici en grand cinéaste du décalage et de la contamination.» Le Temps


«Tokyo Sonata est son plus beau film. Celui où il est le plus maître de son geste, celui où il ose avec un naturel déconcertant des variations insensées. C'est surtout son film le plus intime.» Libération


«L'élégance de la mise en scène, une direction d'acteur qui ne néglige pas une forme d'humour à combustion lente, participe de la construction de cette réalité si subtilement spectrale.» Le Monde


«En s’appropriant un matériau plus réaliste qu’à l’accoutumée, Kiyoshi Kurosawa préserve toute sa puissance anxiogène, toute son élégance formelle, ajoutant une autre couleur à sa palette: une force émotionnelle aussi nue que contagieuse. La marque des grands.» Les Inrockuptibles «Tokyo Sonata éblouit parce que Kurosawa y atteint des sommets d'expressivité avec une subtilité et une grâce qui n'ont pas d'équivalent dans son œuvre.» Les Cahiers du Cinéma


«Die Szenen in der Familie sind das eigentliche Highlight des Films. Die Unfähigkeit Probleme nicht zur Sprache zu bringen wird sehr glaubhaft und bedrückend in Szene gesetzt.» Students, Zürich


«Tokyo Sonata von Kiyoshi Kurosawa gelingt in eindringlicheren Bildfolgen das Porträt des unaufhaltsamen Untergangs einer japanischen Kleinfamilie ab dem Moment, da der Familienvater ohne jede Vorwarnung seinen verantwortungsvollen Job verliert.» Schnitt


«An extremely impressive and intricate family drama from Japanese director Kiyoshi Kurosawa... The narrative crescendos about three-quarters of the way through as the various, now-estranged members of the family all hit a personal low. There’s a slightly uncomfortable tonal shift from the ironically subdued to the vaguely screwball, but thematically, the film remains remarkably sure-footed, offering a thought-provoking critique of stereotypes, gender roles and archaic tradition within Japanese society while delivering a chillingly prescient study of a family forced to reformulate its priorities at the hands of economic decline. The ‘uplifting’ ending, too, will really stick with you.» David Jenkins, Time Out London


«Eigentlich die Goldene Palme verdienend, wurde Tokyo Sonata mit dem Preis der Jury gekürt.»


«Film ist nicht dasselbe wie Erzählung. Die Substanz von Film ist vielmehr die Differenz dazwischen.» Abe Kashô

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